Transit Filmfest Regensburg

Ein ehrenamtliches Team aus Studierenden der Medienwissenschaft
und filmbegeisterten Mitgliedern des Hör und Schau e. V. präsentiert vom im November ein Best-of des deutschen und internationalen Kinojahres jenseits des gewohnten Programms. Der inhaltliche Fokus liegt auf innovativen, maßgebenden und kontroversen Produktionen, das Festival selbst bleibt formal offen. Als Paradigma für Transformation und Veränderung lässt sich der „Transit“ als Chance begreifen, alte Wahrheiten zu überdenken, neue Perspektiven zu eröffnen und die Wahl der Kategorien neu zu justieren. Das Kino wird zum Transportmittel: Nach dem Film steigt im Idealfall eine Person aus dem Kinosessel, die ein kleines Bisschen anders ist als diejenige, die sich hineingesetzt hat. Dabei geht es nicht um vordergründig politische Filme, sondern um solche, die ästhetisch, inhaltlich oder narrativ neues Terrain betreten und sich auf Pfade jenseits etablierter Mainstreamkino-Erfolgsrezepte wagen.

Transit20: INTERMISSION_UTOPIA

Things can only be diverse and should be diverse. Styles, schools, common goals and long term stability are not credible ideas.
(Donald Judd, Local History)

Transit als Utopie (Nomen est omen?)
Nach elf erfolgreichen Jahren und einem Wechsel in der Festivalleitung fiel 2019 die Entscheidung, das Regensburger Filmfest HEIMSPIEL in TRANSIT FILMFEST umzubenennen. Dahinter stand und steht der Anspruch, das Potential von Transformation, Diversität, Übergang und Instabilität als gesellschaftlichen Wunschzustand zu erkennen und anzuerkennen. TRANSIT als UTOPIA: Eine Idee, die in der Festivalausgabe im November 2020 erstmals gefeiert werden sollte.
Das Coronavirus SARS-CoV-2 hat diese Idee zur bitteren Realität gemacht – nicht in der Transformation sondern im abrupten Bruch, nicht in der Veränderung sondern in der INTERMISSION – der langen Pause mit all ihren tödlichen und verqueren Begleiterscheinungen. Was könnte die Folge sein? Können Veränderung und Instabilität postpandemisch überhaupt noch als gesunde Gesellschaftsentwürfe gelten? Wird die Panik vor dem Verlust des Status Quo auf der einen und dem Verlust der persönlichen „Freiheit“ auf der anderen Seite wieder eine Form regressiver, unsolidarischer „Stabilität“ erzwingen, in der viele Lebensentwürfe keinen Platz mehr finden? Oder steckt in der Krise tatsächlich eine Chance auf Neubesinnung und ehrliche Solidarität?
All diese Paradoxien spiegeln sich im Namen unserer Festivalausgabe: TRANSIT20: INTERMISSION_UTOPIA. In Kombination verkörpern die drei Begriffe vielfältige und widersprüchliche Kräfte, die es im diesjährigen Festival-Intermezzo zu analysieren gilt. Deswegen werden wir den Raum für Diskurs, Dialog, Denken und Wissen in unserem Programm erweitern. 2020 gibt es viel zu diskutieren, nicht nur über Kino und Filme, sondern auch über deren Platz und Funktion in einer neuen Welt, die zusehends Gestalt annimmt.

Kino als Utopie
Ein geschlossener Raum mit schweren Stoffen, engen Sitzreihen und einer atemberaubenden Atmosphäre. Das Kino, so meinte einmal Pedro Almodóvar, könne die Einsamkeit und Leere in unseren Leben füllen. Was gibt es Besseres, als sich gemeinsam vom hellen Rauschen der Projektion in andere Welten mitreißen zu lassen. Heide Schlüpmann bezeichnete das Kino einst als Raum der Utopie und Emanzipation, mit dem sich im frühen Kino zum ersten Mal etwa eine Sichtbarwerdung von Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft verbindet.
Doch was soll aus diesem einst idealen Ort werden, der manch einem schon vor der Pandemie seltsam aus der Zeit gefallen schien? Nicht erst im Lockdown ist die Institution Programmkino einem breiten Publikum verloren gegangen. Wird das Virus im engen Schulterschluss mit Heimkino und Streamingdiensten dieser „kulturellen Risikogruppe“ den Gnadenstoß versetzen? Hat das postpandemische Kino überhaupt eine Chance?
Das hängt auch davon ab, wie wir diesen Ort mit seinen ehrwürdigen Versprechungen künftig begreifen und nutzen möchten. Kino ist viel mehr als eine hosenpflichtige Erweiterung des heimischen Sofas. Kino ist ein Sehnsuchtsort, der uns etwas zu bieten hat: nicht nur als ein Ort des Eintauchens, des Fühlens und Nachdenkens sondern auch als hybrider Raum des Sozialen, als Raum der Kommunikation, des andauernden Austausches über Filmgeschichten und Gesellschaft.

Ausblick auf Form und Programm – Was wir wollen
Das TRANSIT FILMFEST plant keine Übersetzung der bisherigen Festivalstruktur in eine reine Online-Version. Gleichzeitig sind wir uns sehr wohl dessen bewusst, dass größere Veranstaltungen auch im Herbst nicht unbedingt umzusetzen sind. Selbst, wenn es aus epidemiologischer und gesetzlicher Sicht möglich wäre, haben wir nicht den Wunsch, das Festival auf die übliche Art und Weise zu veranstalten – auch mit Blick auf die wirtschaftliche Situation der Kinos. Die Extremsituation erfordert eine radikale, sinnvolle und kreative Antwort, sowohl in praktischer Hinsicht – je nach der sich verändernden Situation – als auch im Inhalt.

Historische Filmreihe RETRO_UTOPIA
Im Rahmen einer mehrteiligen Filmreihe blicken wir zurück auf große und kleine Möglichkeitsvisionen vom menschlichen Zusammenleben, von alternativen/diversen Lebenswelten und künftigen Gesellschaftsformen. Dabei interessieren uns neben der filmischen Ausgestaltung vor allem Fragen, die sich auf das Verhältnis zwischen dem zeitgeschichtlichen Kontext filmischer Weltentwürfe und ihren konkreten Bedeutungen für das Jetzt beziehen: Welche utopischen/dystopischen Versprechen wurden im Film verarbeitet? Wie haben sich diese Kategorien und die Dimensionen des Wünschens, Träumens und Wollens, nicht selten auch des Handelns verändert? Lassen sich Wechselwirkungen zwischen Medium und Gesellschaft feststellen und Schlüsse daraus ziehen? Wir wollen zurückblicken, um aus der langen Pause heraus nach vorne schauen zu können.

Weekender CINEMA_UTOPIA
An die Stelle des einwöchigen Highlight-Festivals tritt in diesem Jahr erstmals eine Wochenend-Edition. Programmatisch werden wir unser Augenmerk auf aktuelle Filme legen, die sich im weitesten Sinne mit Konzepten der Utopie/Dystopie befassen und diese in all ihren emotionalen, metaphorischen, philosophischen und sozio-politischen Manifestationen immersiv und/oder informativ erforschen. Nicht zuletzt wollen wir uns auch inhaltlich solidarisch mit den vielen (nicht nur in den USA) unterdrückten Stimmen zeigen und auf unsere Art daran mitwirken, bestehende Verhältnisse zum Besseren zu drehen. Wir wollen Sprachrohr für Veränderung sein.

Podiumsdiskussion FORUM_UTOPIA
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wollen wir Filmschaffende, Theoretiker*innen, Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und andere Personen einbeziehen, die auf die neue Realität reagieren, in der wir jetzt leben und auf die wir aktuell nicht mehr nur infolge der Coronakrise reagieren müssen. Können Film, Kino und Filmfestivals hierbei etwas leisten? Wie können wir als Teile eines vielfältigen und komplexen Ganzen für einen möglichst fairen TRANSIT in eine bessere Zukunft kämpfen? Wir müssen reden.

Digitales Rahmenprogramm und Online-Screenings
Neue Formate, formale und ästhetische Öffnungen ins Digitale, virtuelle Q&As mit Filmschaffenden und Branchenvertreter*innen, Texte und Gespräche zur Zeit, zum Kino und natürlich zu den Filmen runden das diesjährige Festivalprogramm ab. Um den im Herbst herrschenden Hygieneauflagen und möglichen Einschränkungen hinsichtlich erlaubter Besucher*innenzahlen begegnen zu können, arbeiten wir an der Realisation zusätzlicher Online-Screenings.

Alles in allem bleiben wir unserem Credo treu: Nichts ist in Stein gemeißelt, alles bleibt im Transit.